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Die Aufgabe von Eltern

Wir können und sollen unsere Kinder nicht davor bewahren, dass sie in der grossen, weiten Welt schlechte Erfahrungen machen.

Aber wir können für sie da sein, wenn sie uns brauchen und ihnen ein sicheres Zuhause geben.

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Stellenbeschreibung: Gute Eltern

Anforderungen:

Wir brauchen Wissen, Geduld, Vertrauen, Verständnis, Nachsicht, Zeit und einen Plan:

  • Wir benötigen das Wissen, was unsere Kinder können und brauchen. Ansonsten erwarten wir zu viel. Wenn ich von dir erwarte, dass du bis morgen eine neue Sprache gelernt hast, dann werden wir morgen beide enttäuscht sein. So passiert es oft in der Erziehung. Wir müssen uns mit dem kindlichen Gehirn auseinandersetzen und verstehen, wie es funktioniert. Das kindliche Gehirn muss sich erst entwickeln, viele Funktionen (die Impulskontrolle, das Denken an Konsequenzen, das Planen) sind noch gar nicht vorhanden.

  • Geduld brauchen wir deshalb, weil wir Kindern manche Sachen 800 mal sagen müssen, bis sie es verstanden und abgespeichert haben (diese Zahl stammt von Jesper Juul).  Wir brauchen also nach der dritten Wiederholung noch nicht nervös werden.

  • Vertrauen müssen wir in den guten Kern unserer Kinder haben. Nur mit dem richtigen Blick auf die Kinder, hat unsere Beziehung eine Chance. Wer denkt, dass Kinder manipulativ, böse und berechnend sind, der liegt falsch. Das konnte in vielen Studien belegt werden. Kinder haben grundsätzlich gute Absichten und einen guten Grund, das zu tun, was sie tun. Kinder zeigen was sie fühlen ohne nachzudenken. Sie sind nicht egoistisch, sondern können einfach nicht an andere denken, weil ihr Gehirn dafür noch zu klein ist. Sie sind nicht umsonst erst mit 18 Jahren volljährig. Wir müssen also ganz viel Verständnis und Nachsicht für sie aufbringen. Viele Male am Tag.

  • Zudem sollten wir ganz viel Zeit einplanen. Kinder brauchen Zeit um sich auf Planänderungen einzustellen. Wir sollten 5 Minuten vorher ankündigen, wenn wir los wollen und sie alle 2 Minuten wieder daran erinnern. Ansonsten geht es den Kindern zu schnell und sie blockieren. Ausserdem brauchen sie Zeit um alles möglichst SELBER machen zu können.  Das ist wichtig, denn nur so können sie zu eigenständigen Personen heranwachsen. 

  • Zu guter Letzt brauchen wir einen Plan. Am besten wir erstellen bzw. malen einen Tagesplan und hängen ihn dort auf, wo unsere Kinder ihn sehen können. Das gibt den Kindern Orientierung. Wir entscheiden WAS gemacht wird. WIE wir es machen, entscheiden die Kinder mit. Indem wir die Kinder liebevoll führen, geben wir ihnen Sicherheit (Kathy Weber).

Aufgaben:

1. ) WIR FÜHREN:

Wir sind der Kapitän des Schiffs (laut Susan Stiffelman), wir sind die Leitwölfe und führen die Familie (laut Jesper Juul), wir sind Vorbilder und Trainer.

Unsere Aufgabe ist es dafür zu sorgen, dass die Bedürfnisse aller in der Familie berücksichtigt und erfüllt werden. Zudem sind wir Vorbilder, denn Kinder hören weniger auf das, was wir sagen, sondern vielmehr auf das, was wir ihnen zeigen. Deshalb können wir ihnen nichts "anerziehen", wenn wir es nicht selbst bereits vorleben. Hier wird es für viele Eltern schwierig, denn oftmals erwarten sie von Kindern Dinge, die sie selbst nicht liefern können. Wenn wir das erkennen, werden wir automatisch nachsichtiger mit unseren Kindern. 

Als Trainer kommt uns die Aufgabe zu, den Kindern alles beizubringen, was sie für das Leben in der Gesellschaft benötigen. Wir helfen ihnen zum Beispiel dabei, zu erkennen, wo die Grenzen anderer Menschen liegen und wie sie selbst ihre eigenen Grenzen aufzeigen und wahren können.

Mehr dazu findet ihr hier: Grenzen setzen.

2. ) WIR KOMMUNIZIEREN KINDGERECHT:

Wir müssen dafür sorgen, dass uns unser Kind versteht, d.h. wir müssen kindgerecht und gewaltfrei kommunizieren. Wenn unser Kind nicht auf uns hört, kommunizieren wir womöglich falsch. Mehr dazu findet ihr hier: Wie wir kommunizieren sollten oder auf der Homepage von Kathy Weber.

3. ) WIR LIEBEN BEDINGUNGSLOS:

Wir haben uns für Kinder entschieden. Wir bekommen Kinder, weil wir uns etwas davon versprechen. Kinder in die Welt zu setzen, ist eigentlich eine sehr egoistische Tat, denn die Kinder werden nicht gefragt, ob sie zu uns kommen wollen (den spirituellen Ansatz mal ausser Acht gelassen). Wenn wir uns dessen bewusst sind, fällt es uns leichter, unsere Bedürfnisse zumindest die ersten 18 Monate komplett zurückzustellen. Natürlich müssen wir auch in dieser Zeit auf unsere Grundbedürfnisse achten, um weiterhin gute Eltern sein zu können, aber die Bedürfnisse des Kindes haben in dieser Zeit Vorrang. Danach sind Kompromisse die Lösung, um bedürfnisorientiert zu erziehen. Bedürfnisorientiert heisst, dass die Bedürfnisse der Eltern und auch die der Kinder irgendwie erfüllt werden. Ja das ist eine Kunst für sich.

Ein Kind fühlt sich geliebt, wenn wir ihm zu jederzeit signalisieren: "Ich liebe dich, weil du mein Kind bist, egal wie du dich verhältst". Dann ist die Basis für eine gesunde Entwicklung geschaffen. Wer sein Kind bekämpft, der missversteht es. Denn Kinder verhalten sich schwierig, um auf ein Problem aufmerksam zu machen. Sie sagen uns damit: "Ich brauche dich, bitte hilf mir". Menschen werden aggressiv, wenn es ihnen an Bindung bzw. Verbundenheit fehlt. Diese lässt sich mit Empathie, Verständnis und Nähe wiederherstellen. Das heisst, bei aggressiven Kindern braucht es erst recht die Gute-Nacht-Geschichte, die Umarmung und die Worte: "Ich hab dich lieb".

Diese Liebesbeweise sollten jeden Tag vorhanden sein und an schwierigen Tagen sollten wir sie noch öfters wiederholen.

Damit belohnen wir nicht schlechtes Verhalten, sondern wir stärken die Bindung und die braucht es, damit Familie und Kooperation wieder gelingen (Alfie Kohn).

4. ) WIR VERABSCHIEDEN ERWARTUNGEN:

Des Weiteren dürfen wir von unseren Kindern nicht erwarten, dass sie uns dankbar dafür sind, dass wir für sie da sind und sie bedingungslos lieben. Das sind ihre Grundrechte. Wir sollten nur Kinder bekommen, wenn wir frei von Erwartungen sind. Wenn uns die Kinder etwas zurückgeben, ist das toll, aber erwarten dürfen wir es nicht. Zudem unterlassen wir es, den Kindern vorzuschreiben, wer sie sind oder werden sollen. Stattdessen finden wir lieber heraus, wer da zu uns gekommen ist. Unsere Aufgabe ist es, sie kennenzulernen. Viele Erwachsene wissen heute nicht, wer sie eigentlich sind, weil ihre Eltern sie stets definiert haben. Das ist schade.

5. ) WIR FÖRDERN DAS AUTOMOMIE-STREBEN:

Ich lasse mein Kind alles machen, ausser es spielt mit einem wertvollen Gegenstand oder es besteht die Gefahr, dass sich jemand ernsthaft verletzen könnte. 

Danielle Graf und Katja Seide raten ebenfalls dazu, die Neins sparsam zu setzen. Wenn wir etwas aus reiner Bequemlichkeit verbieten, sollten wir es überdenken. Je öfters wir unser Kind etwas machen oder entscheiden lassen, desto eher kooperiert es, wenn wir etwas von ihm verlangen. Ich wende hier die 5:1 Regel an. Jedes Mal, wenn wir etwas von unserem Kind verlangen, sollten wir das Kind anschliessend 5 Dinge entscheiden oder selbst machen lassen. Mit jedem Mal, wo unser Kind etwas SELBST machen darf, befriedigen wir seinen Drang nach Autonomie und stärken sein Selbstbewusstsein.

Der Montessori-Ansatz "Hilf mir, es selbst zu tun" unterstützt die Autonomiephase wunderbar. Im Buch "Das gewünschtestes Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn 5-10 Jahre" erklären die Autorinnen, dass Kinder ab einem gewissen Alter auch mal unbeaufsichtigt spielen, auf Bäume klettern und neue Gebiete erkunden müssen.  Nur so entwickeln sie Selbstvertrauen. 

Kindern können zudem nicht von unseren Erfahrungen lernen, sie müssen ihre eigenen Lebenserfahrung machen. Wir können dafür sorgen, dass sie Zuhause frei von Gewalt aufwachsen und sich die Liebe dort nicht verdienen müssen, sondern sie ihnen geschenkt wird. Aber draussen kann es sein, dass sie schlimme Erfahrungen machen. Davor können und sollen wir sie nicht schützen. Wir sollten stattdessen darauf vertrauen, dass sie damit zurecht kommen. Wir können nur für sie da sein.

6. ) WIR UNTERSCHEIDEN ZWISCHEN WUNSCH UND BEDÜRFNIS:

Kinder wissen oft, was sie wollen, aber nicht, was sie brauchen (Nicola Schmidt). Das zu unterscheiden ist unsere Aufgabe. Das Kind möchte ein Eis? Ich muss es nicht unbedingt kaufen, aber wenn es Hunger hat, braucht es etwas zu essen. Wir dürfen bei Wünschen "nein" sagen. Wir sollten allerdings immer die Würde des Kindes achten, denn ein Wunsch zu haben, ist nichts wofür sich ein Kind schämen muss. Wie achte ich die Würde meines Kindes? Ganz einfach, indem ich Verständnis für seinen Wunsch aufbringe und es nach meinem Nein tröste. Denn ein Nein tut weh. Vielleicht ist das Kind danach auch sauer, auch das ist ok. Ich sorge dafür, dass es weder sich noch andere verletzt und dann darf es seine Wut rausschreien oder in ein Kissen klopfen.

Zu Bedürfnissen sollten wir immer "ja" sagen, sie sind lebenswichtig. Dazu zählen zum Beispiel Nähe, Sicherheit, Kleidung, Nahrung usw.

  • Wenn das Kind zum Beispiel Angst hat alleine zu schlafen, muss es das nicht (Bedürfnis: Sicherheit). Dann schlafen wir bei ihm oder das Kind bei uns. Keine Angst, auch diese Kinder werden selbstständig, dazu gibt es erfreuliche Studien.

  • Wenn das Kind vor dem zu Bett gehen noch Hunger hat, gibt es etwas Gesundes (Gemüse, Nussmus etc.), das satt macht (Bedürfnis: Nahrung)Chips oder Süssigkeiten braucht es an der Stelle nicht (das wäre ein Wunsch).

  • Das Kind braucht Kleidung (Bedürfnis), aber nicht die neuste Markenjeans (Wunsch).

Der Unterschied dürfte deutlich werden, Bedürfnisse sind lebenswichtig, Wünsche sind es nicht. 

7. ) WIR ACHTEN AUCH AUF UNSERE BEDÜRFNISSE:

Nur wenn es uns gut geht, können wir uns um andere kümmern. Wichtig bei der Selbstfürsorge ist aber, es sollte nicht Zulasten der Kinder gehen. Es ist völlig ok auch mal zum Kind zu sagen: "Ich habe kein Lust zu spielen, ich bin müde". Aber wenn wir das Kind nur noch vor den TV setzen, damit wir unsere Ruhe haben oder es ständig in der Kita abgeben wird, damit wir weiterhin unserem gewohnten Leben nachgehen können, dann Schaden wir unserem Kind. Es gibt viele Eltern, die nicht gerne mit ihren Kindern spielen. Das müssen sie auch nicht. Was sie müssen, ist Zeit mit ihnen verbringen oder sie mit anderen Kindern spielen lassen. Gemeinsame Zeit können wir mit unseren Kindern verbringen, indem wir sie in unsere Welt mitnehmen und ihnen zeigen, was uns Spass macht: Gemeinsam kochen, spazieren gehen, in die Stadt gehen ein Eis essen usw.

Es ist nicht wichtig, was wir machen, sondern, dass wir es zusammen machen.

Ohne schlechten Gewissens können wir natürlich die Kinder auch mal bei Oma und Opa oder anderen liebevollen Verwandten oder Freunden lassen und uns so etwas Zeit für uns gönnen.

Auch die Partnerschaft muss gepflegt werden. Es ist ratsam auch genug Zeit zu Zweit einzuplanen. Ja es braucht Menschen, die uns entlasten können. Zu zweit (Vater und Mutter), das ist definitiv eine Person zu wenig. Kein Wunder also, dass es als Kleinfamilie oft sehr stressig ist.

8.) WIR SIND VERANTWORTLICH:

Wer die Macht hat, hat auch die Verantwortung. Eltern sind mächtiger und daher tragen sie die Verantwortung für die Qualität der Beziehung zu ihren Kindern. Das heisst: Ist mein Kind glücklich, habe ich alles richtig gemacht. Geht es meinem Kind allerdings nicht gut, dann sollte ich mir die Frage stellen, ob ich in der Erziehung Fehler mache oder gemacht habe und mir überlegen, wie ich meinem Kind helfen kann. Ist die Stimmung Zuhause schlecht, ist es nicht die Aufgabe der Kinder, diese zu verbessern. Nein, es ist die Aufgabe der Eltern zu schauen, welche Bedürfnisse unerfüllt sind und was sie entsprechend unternehmen können. Eltern sind ebenfalls verantwortlich für ihre eigenen Gefühle. Kinder lösen Gefühle in uns aus, sie sind aber nicht die Ursache. Die Ursache liegt in unserer eigenen Kindheit (Thema: inneres Kind).

9.) WIR HEISSEN ALLE GEFÜHLE WILLKOMMEN:

Gefühle dürfen sein, egal ob es sich um Freude, Wut oder Traurigkeit handelt. Was ein anderer Mensch fühlt, ist immer wahr. Für ihn zumindest. Diese Gefühle müssen wir ernst nehmen. Wir können und sollen diese nicht unterdrücken. Allerdings müssen Kinder dem Umgang mit ihren Gefühlen erst lernen. Wenn ein Kind wütend ist und schlägt, beisst oder kratzt, braucht es Alternativen. Diese lernen wir ihnen, indem wir ihnen immer wieder sagen: Du bist wütend, das ist ok, reagiere dich an einem Kissen ab oder ruf mich". So lernen sie mit der Zeit und ohne Druck einen gesellschaftlich akzeptierten Umgang mit ihren Gefühlen, anstatt diese zu unterdrücken. Diesen Umgang müssen auch noch so manche Erwachsene lernen. Ein Erwachsener, der seine Wut an den Kindern auslässt, handelt unreif und gesetzeswidrig. Dieser Erwachsene hat nie Alternativen gelernt und sollte das dringend nachholen z.B. auf 10 zählen, 3x tief durchatmen usw. 

10. ) WIR INFORMIEREN UNS:

Wer immer noch denkt, ohne Bestrafung und Beschimpfung funktioniert Erziehung nicht, der liegt falsch und der schadet seinem Kind. Das Gesetz und die Forschung sagen längst was anderes. Wer sein Kind liebt, informiert sich. Es gibt einen gewaltfreien Weg und er funktioniert wunderbar. Es gibt unzählige Bücher, Podcasts und Kurse zur gewaltfreien Erziehung. Bitte nutzt sie (hier z.B. der Link zum Kinderschutz Schweiz).

Was uns erwartet:

Wenn wir gute Eltern sind, werden unsere Kinder zu gesunden und freundlichen Erwachsenen werden. Sie werden eine tolle Beziehung zu uns und anderen Menschen haben. Sie werden sich uns anvertrauen und für uns da sein, so wie wir auch für sie dagewesen sind. Der Spruch: "So wie es in den Wald hineinruft, so hallt es hinaus", trifft in der Erziehung sehr oft zu.

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