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"Trotzen" ist wichtig

Aktualisiert: 1. Okt. 2023


Ich persönlich mag den Begriff "Trotzen" nicht, weil es sich anhört, als ob das Kind das alles extra machen würde. Wer meinen Blog liesst, der weiss, dass es nicht so ist.

Deshalb nennen wir es lieber "Autonomiestreben" und "Autonomiephase".


Was ist das?


Babys kommen auf die Welt und sind sich nicht bewusst, dass sie eine eigene Person sind.

Sie fühlen sich mit der Hauptbezugsperson verbunden.

Sie gehen davon aus, Mutter und Kind sind eine Person.

Klar, sie sind ja auch in der Mutter entstanden, d.h. ein Teil von ihr.

Das sogenannte "Selbst" bildet sich erst noch aus.

Ab dem ersten Jahr entdecken Kinder, dass sie eine eigene Person sind.


Kinder haben ab dann zwei Bedürfnisse, die sich jedoch stark widersprechen.

Sicherheit und Autonomie.

Unter Sicherheit wird verstanden, dass Kinder den Rückhalt der Familie brauchen (Kooperation, Bindung).

Unter Autonomie wird die Selbstständigkeit der Kinder verstanden ("Ich kann das selber").


Bis zum 5. Lebensjahr, während der Wackelzahnpupertär und als Teenager durchleben Kinder eine starke Autonomiephase.

Schwierig sind diese Phasen vor allem deshalb, weil ein Kind mehr will, als es kann oder darf.


Weshalb braucht es diese Autonomiephase?


Würde diese Phase ausbleiben, dann würde ein Kind nur brav neben seinen Eltern sitzen und alles machen, was die Eltern sagen.

Manche denken jetzt, das wäre ja traumhaft.

Aber zu welchem Preis?

Das Kind sitzt dann auch mit 40 Jahren noch brav neben seinen Eltern, hat in all den Jahren nichts erkundet und nichts gelernt.

Der Selbstwert ist nicht ausgereift und es hat sich keine Fähigkeiten angeeignet.

Jetzt wird klar, weshalb es diese "Entdecker- und Ablösephase" braucht.


Ja es ist anstrengend, wenn das Kind alles selber versuchen will, aber nur so lernt es.


Ja es ist anstrengend, wenn das Kind zu allem "nein" sagt. Aber wir möchten auch, dass unser Kind zu einer Persönlichkeit mit einer eigenen Meinung heranwächst.

Es soll sich trauen "nein" zu sagen, wenn ihm ein Mensch zu nahe kommt, von dem er es nicht möchte (z.B. Thema sexuelle Belästigung).


Ja es ist anstrengend, wenn das Kind ein "nein" nicht so recht akzeptieren will. Es nervt uns, dass es dann sauer wird, weint oder mit uns diskutieren will.

Aber wir wollen ja auch, dass es später, wenn es in einem Bewerbungsprozess abgelehnt wird, gleich wieder aufs "Pferd" steigt und sich weiter bewirbt.


JA diese Phase ist anstrengend, aber sie lohnt sich.

Wir sollten unser Kind dabei unterstützen, dass es herausfindet, wer es ist.

Es soll herausfinden:

Was mag ich, was mag ich nicht? Was kann ich schon, was muss ich noch lernen?

Nur indem wir es sich ausprobieren lassen, lernt es etwas Neues.


Wir sollten Kinder in dieser Phase unterstützen, anstatt sie abzulehnen oder zu bekämpfen.

Lehnen wir das Autonomiestreben unseres Kindes ab, fühlt es sich schlecht.

Es wird sich für seinen Entdeckerdrang schämen und denken, dass mit ihm etwas nicht stimmt.

Das geht zulasten des Selbstbewusstsein bzw. des Selbstwerts.

Deshalb sollten wir dieser Phase ein "JA" geben.

Diese Phase braucht es, diese Phase hat ihren Sinn.


Was erleichtert diese Phase?


1.) JA-UMGEBUNG

Wie Nicola Schmidt es nennt, eine "Ja-Umgebung".

Eine Umgebung, die sicher ist, in der das Kind sich ausprobieren kann.

D.h. gefährliche und zerbrechliche Gegenstände wegräumen, Treppen und Steckdosen sichern etc..

Das hilft, dass wir nicht ständig "nein" sagen müssen.


2.) GENUG ZEIT

Planen wir immer genug Zeit ein, damit das Kind versuchen kann es selbst zu tun.

Je mehr es alleine machen und entscheiden darf, desto eher ist sein Wunsch nach Autonomie gestillt und es kann wieder eher kooperieren.

Erfüllte Bedürfnisse verschwinden bekanntlich.

Es ist also gut investierte Zeit. Das Kind ist stolz, wenn es etwas erreicht hat und ist dadurch wesentlich ausgeglichener bzw. kooperativer.


3.) GENUG AUTONOMIE

Den Montessori-Ansatz (hilf mir es selbst zu tun) verfolgen.

Zum Beispiel die Jacke auf eine Höhe hängen, an die das Kind selbst dran kommt usw.

Kinder machen gerne das, was Erwachsene tun. Wir haben z.B. den Staubsauger so eingestellt, dass unser Sohn damit herumlaufen kann. Neben unserer Küche steht eine kleine Spielzeugküche, in der er kochen kann, wenn ich am kochen bin.

Ich lasse ihn teilhaben an unserem Alltag:

Ich schneide das Gemüse, er wirft es in den Topf.

Er füllt die Wäsche in die Waschmaschine, er backt Brötchen mit seinem Papa usw.

Zudem hat mir der Lerntower geholfen, dass er sieht, was in der Küche gemacht wird.

Jetzt muss ich ihn nicht mehr ständig auf dem Arm halten, was das Schälen vom Gemüse echt erleichtert.

Ich lasse ihn alles entscheiden, was er sehen kann: "Willst du diese Gabel oder den Löffel, willst du die rote oder die blaue Hose usw.?"

Das alles gibt ihm ein Gefühl von: "Ich kann was, ich werde gebraucht".

Klar, es dauert alles dadurch etwas länger. Gleichzeitig kooperiert dadurch mein Kind wieder in Momenten, wo sonst sein Kooperationskontingent schon erschöpft war. Der Alltag wird leichter.


4.) UNNATÜRLICHES VERMEIDEN:

Anziehen, Wickeln, Autofahren, Zähneputzen sind die klassischen Problemfelder in dieser Phase.

Warum? Da alles nicht natürlich ist. Naturvölker verwenden weder Windeln, noch fahren sie mit dem Auto, noch müssen sie sich gross anziehen.

Unsere Kinder sind darauf ebenfalls nicht ausgelegt, sie müssen erst noch lernen, damit klar zu kommen. Deshalb boykottieren sie alle unnatürlichen Vorgänge.


Tipps Wickeln:

Wer ganz auf die Windeln verzichten will, sucht mal nach dem Thema "Windelfrei".

Pants helfen übrigens zum schnellen Anziehen von Windeln.

Wir gehen immer gleich duschen, wenn ich sein grosses Geschäft verpasst habe und es in die Windeln ging. Warm duschen, nicht dass jemand auf die Idee kommt, mit kaltem Wasser das Kind zu strafen!!!! Kinder werden ohne Druck viel schneller trocken. Unser Kind war es 22 Monaten (ganz ohne Druck).

Wer sein Kind trocken bekommen möchte, kann mir gerne schreiben. Das geht spielerisch leicht.


Tipps Anziehen:

Wir sind auch schon im Schlafanzug und ohne Schuhe aus dem Haus. Ich habe die Kleider und Schuhe dann einfach mitgenommen.

Mir ist dann auch egal, was andere denken. Für mich und mein Kind muss es stimmen.

Alles, was das Anziehen erleichtert, darf sein. Zum Beispiel Ganzkörperanzug statt Hose, Pulli und Jacke.

Herumalbern hilft hier auch wieder (z.B. in der Hose den Fuss suchen) oder das Kind entscheiden lassen, was es anziehen will.

Hab ich genug Zeit, darf sich mein Kind auch selbst anziehen.

Haben wir es eilig, dann sage ich ihm: "Schau wir haben leider keine Zeit, ich ziehe dich jetzt an. Morgen darfst du es wieder selbst".


Tipps Zähneputzen:

Spielerisch lösen (gute Ideen im Buch von Nicola Schmid "Erziehen ohne Schimpfen").

Eine gesunde Ernährung und wenig Zucker helfen den Zähnen, wenn sie nicht ganz so gründlich geputzt werden können (Tipp von unserem Kinderarzt).


Tipp Autofahren:

Ich musste meinen Sohn vorne mitfahren lassen, wo ich seine Hand halten konnte, damit ihm das Autofahren keine Angst macht (natürlich im Kindersitz).

Wenn er hinten mitfährt, dann hat er mittlerweile auch Freude daran, sich im extra montierten Spiegel zu betrachten.

Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, den Sitz mit ins Haus zu nehmen und ihn zu erkunden?

Vielleicht darf das Kind ein König sein, wenn es im Sitz sitzt?

Ein Kuscheltier anschnallen hilft vielleicht, dem Kind die Angst davor zu nehmen.

Testet, was funktioniert.




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